Gottes letzter Zufluchtsort, war die Dunkelheit in meinem Herzen
von Ali Reza Bakhshandeh
Ich stehe auf dem Schulhof. Die vierte Stunde ist gerade vorbei, auf die fünfte Stunde hatte ich keine Lust. Es geht ein milder Aprilwind. Ich spüre ihn zart auf meinem Gesicht und schaue gedankenverloren in die Ferne.
“Das meinst du doch jetzt nicht ernst?” Eine Stimme reißt mich aus meinen Tagträumen. Ich drehe mich um und sehe einen schnieke-angezogenenen Jungen aus meiner Jahrgangsstuffe. Er schaut mich mit einer Mischung aus Ekel, Abscheu und Ratlosigkeit, vielleicht Mitleid an und nimmt einen gelangweilten Zug von seiner Zigarette.
Ich kann nicht gleich einordnen, was er meint und entgegene ihm nur ein stumpfes “Was denn?”
Was bildet sich der Wichser eigentlich ein, mich so seltsam anzusprechen. In meinen Worten schwingt genug Abneigung mit, um ihn irgendwie zu provozieren. Genervt tippt er auf mein T-Shirt: “Na das da du Trottel.”
Auf meinem schwarzen T-Shirt prangt in roter Coca-Cola Schrift “Enjoy Satan”. Na und.
Ich verstehe langsam. So jung und schon so ein Spießer. So ein Vollidiot, der wenn erwachsen zum Arschloch mutiert.
Ich weiß nicht, was ich ihm entgegen soll (Was bildet sich der Wichser eigentlich ein…) und nehme einfach meinen Blick in die Ferne wieder auf.
Selbst überrascht, wie kalt meine Worte manchmal klingen können, höre ich mich gelassen sagen: “Doch. Du gehst jetzt besser weiter. Und das ist mein Ernst”
Er schaut mich erstaunt an. Warum er so fassungslos ist, weiß ich heute noch nicht.
Dann drehe ich mich langsam zu ihm um, sammle mich und schaue ihn an. Langsam erkenne ich Angst in seinem Blick. Denn er scheint wohl zu sehen, was ich vor Augen habe. Wie ich aushole und ihm mit meiner Linken mit voller Wucht ins Gesicht schlage. Wie ich nicht aufhöre, mich an ihm festzubeissen und ihn ihn noch so lange trete, als er schon am Boden liegt, bis auch sein letztes Röcheln versiegt.
Der Wichser bleibt sprachlos und stolpert zur Tür, ist weg.
Ich bin erstaunt. Ich habe soviele Fragen. Wo kam das gerade her, und viel wichtiger: Wo bleibt der Sommer? Ich warte auf den Sommer. Ich weiß, dass er dieses Gespräch vielleicht verdrängen, aber so schnell nicht vergessen wird. Denn gerade durfte er – aus gutem Elternhaus und langweilig wie eine Kugel Scheissdreckeis – spüren, wie sich Leute anfühlen, die Monster ins sich tragen. Leute, deren Seele ein einziger Abgrund ist, den sie mit allem füllen, was sie betäubt.
Vielleicht geht der Wichser gleich wirklich Wichsen, denke ich mir. Ich muss grinsen. Aufgegeilt von dieser dämonischen Aura, die er sonst bei abgefuckten Drogenwrack-Figuren in Filmen wie “Fear and Loathing in Las Vegas” oder “Spun” auf DVD gesehen hat. Seit heute weiß er, solche Leute gibt es wirklich.
Ich lache trocken, will sagen: “This is bat-country”, doch meine Sinne vibrieren und Summen von jenen Substanzen, die ich vor der vierten Stunde zu mir genommen habe.
Ich schaue wieder in die Ferne und bin glücklich. Gleich wird mich Juliana hier abholen. Sie wird mich anschauen und sagen: “Du bist gut, denn du bist und warst immer treu zu dir selbst.” Sie wird ihre heilenden Hände auf mein Gesicht legen und ich werde meine müden Augen schliessen können, damit das Brennen endlich verschwindet.
Ich warte bis nach der sechsten Stunde. Ich weiß, sie wird kommen. Das in die Ferne schauen nervt mich nicht. Denn ich bin glücklich. Als sie nicht gekommen ist und der Hausmeister mich angeschnauzt hat, ich solle schauen, dass ich endlich nach Hause komme, trotte ich zur Bushaltestelle. Langsam spüre ich meinen Körper wieder. Ich bin unendlich müde. Und kein Wind geht.
Soll ich heimfahren, soll ich auf Juliana warten? Ich entscheide mich für das Letztere. Wenn es sein muss, warte ich für immer. Und wenn der Wichser wieder auftauchen sollte, werde ich ihn einfach töten. Erschrecken und Töten. Aber auch er taucht nicht auf. Hat wohl gerade Klavierunterricht der verwöhnte Mistkerl.
Ich bin glücklich. Auch wenn das nicht nur ich bin. Das macht nichts. Pursein ist in unserer Generation sowieso negativ. Denn dann merken wir, dass man uns allen keine Seelen mit auf den Weg gegeben hat. Deshalb ist das alles so schon richtig. Wir sind alle Monster, und nicht pur. Doch ich bin wahr. Und Gott, dass weiß ich, Gott wohnt in meinem Herzen.
Wenn ich irgendwann sterbe, so hoffe und bete ich, stirbt er mit mir.