Über Ozeane, fast bei dir

von Ali Reza Bakhshandeh

Als ich die Augen wieder aufmache tut es schon nicht mehr weh. Ich liege auf dem Rücken. Das gleißende Licht schmerzt. So hell um mich herum hier. Der Himmel zieht schnell an mir vorbei. Ich dachte ich sehe Wolken, doch das ist kein Himmel. Ist das Beton? Wo bin ich? Ich werde geschoben. Es muss ein Krankenhaus sein. Ich kann meinen Kopf nicht bewegen. Erst jetzt merke ich, dass ich in eine Maske atme. Ich muss auf einer Trage liegen. Man schiebt mich durch Krankenhausgänge. Das muss es sein. Langsam kommt mein Gehör zurück. In der Ferne höre ich aufgeregte Stimmen. Ich verstehe sie nicht. Krankenhausgang, ich auf Liege, Ärzte die mich schieben. Kann kaum denken, doch soviel bekomme ich mittlerweile zusammen. Ich kann meinen Körper nicht spüren. Nur das Silberrauschen auf meiner Zunge und Druck hinter meinen kalten Augäpfeln. Ich bin froh, dass man mir hilft. Glaube ich.

Langsam fangen meine Gedanken an weh zu tun. Ich denke langsamer. Wir kommen an, hektisches Treiben um mich herum. Wird mein Körper getragen, irgendwas hat mich bewegt. Kurz schaut mich ein Gesicht an, schaut mir direkt in die Augen und drückt mir auf die Maske.

Ich verliere das Bewusstsein.

Oder erlange ich es zum ersten Mal in meinem Leben? Wer sagt mir ob ich überhaupt noch lebe. Und vorallem: Was zum Teufel ist wohl passiert? Wie komme ich hierher?

Ich liege in der Schwebe in purem Licht. Es ist überall. Es umgibt mich. Ich glaube ich muss lächeln. Es ist schön hier. Hier wird es mir gutgehen. Es fängt an mir zu gefallen. Egal wo dieses hier sein mag.

Ich kann wieder denken. Und meinen Körper bewegen. Ein seltsames Gefühl. So leer. Langsam richte ich mich auf. Schwebe aufrecht in diesem Meer aus Licht.

Plötzlich sehe ich jemanden aus der Ferne auf mich zugehen. Ich muss sie nicht sehen um zu wissen, wer es ist. Wieder muss ich lächeln und hauche:

“Juliana”

Ich weiß sie ist es. Und ich habe recht. Sie kommt langsam auf mich zu. Ich Schritte sind klein, ihre Bewegungen zerbrechlich.

“Juliana”

Sie legt den Kopf leicht schief und lächelt mich an.

“Ich wusste, dass du es bist. Du bist gekommen.”

Mehr kann ich nicht sagen, meine Stimme versagt. Sie sagt auch nichts. Schaut mich nur an. In diesen Augen könnte ich ertrinken, sie sind die einzige Ewigkeit für mich.

“Werde ich sterben?” Es ist kaum mehr als ein Flüstern.

Sie lächelt noch immer, zieht ihre Schultern leicht an und spricht endlich zu mir:

“Jetzt ist alles egal. Ich bin ja da.”

Hauptsache wir sind zusammen, denke ich mir und fange an zu schuchzen. Das Lichtermeer löst sich langsam auf. Ich traue mich gar nicht, nach unten zu schauen, will den Blick nicht von ihrem Gesicht abwenden. Wir schweben hoch oben über einer riesigen Stadt bei Nacht. So viele Lichter unter uns. Nur die Sterne über uns. Eine herrliche Sommernacht. Mir ist nicht kalt. Ich spüre nichts.

Ich weiß wo wir sind. Meine Geburtsstadt. Sie pulsiert und leuchtet unter uns. Es ist ein Wahnsinnsanblick. Ich verliere fast den Verstand. Da legt sie mir ihre Hand unter die Wange und kommt einen Schritt näher. Ihr Gesicht ist jetzt ganz nah an meinem, ich kann ihren Atem spüren. Alles wird gut ich weiß es.

Sie sagt nichts mehr. Wir schweben langsam nach unten. Ganz langsam. Sie hält mich noch immer. Ich schaue nach unten, ich schaue in ihre Augen, ich schaue wieder runter. Irgendwann erreichen wir die Strasse und setzen langsam auf. Ich kann es mir nicht erklären, aber so langsam spüre ich etwas, etwas Unangenehmes…

Ich schlucke, will endlich wieder was sagen, doch mir fehlt die Kraft. Sie senkt ihren Arm. Schaut mich an mit sanftem Blick und sagt (ich werde diese Worte niemals vergessen):

“Wir werden uns wiedersehen.”

Panik überkommt mich, ich weiß, das heisst wieder Abschied nehmen. Ich will schreien, ich will sie festhalten: “Geh nicht! Bitt geh nicht!” Doch ich bleibe stumm. Mit weit aufgerissenen Augen. Sie dreht sich um und verschwindet. Ich kann es nicht fassen – ich habe sie erneut verloren!

“Juliana!”

Vor mir, in Sekundenschnelle – ein so schnell auf mich zurasender Lichterkegel – ich kann es kaum verarbeiten…

TRIFFT ES MEINEN KÖRPER MIT VOLLER WUCHT.

Mein Körper wird nach hinten und in die Luft geschleudert. Es tut so weh. Das Blut schiesst von überall in mir ein. Meine Augen, mein Kopf, mein ganzer Körper – alles dreht sich, alles ist schwarz und rot und so kreischend schrill. Ich schlage hart auf den Boden auf. Unsagbare Schmerzen. Ich will atmen – geht nicht. Ich will aufstehen, etwas knackt. Ich will schreien vor Schmerzen und…

- Schwarzer süßer Schlaf, so tief und weich und unschuldig -

Als ich die Augen wieder aufmache tut es nicht mehr weh. Liege wohl auf dem Rücken. Das gleißende Licht schmerzt. Der Himmel zieht schnell an mir vorbei. Dachte ich sehe Wolken, doch das ist kein Himmel.