Tiefflüge über Paris
von Ali Reza Bakhshandeh
Es war einem Sonntag. Ich weiß heute noch nicht warum, aber irgendwas, irgendeine Stimme in mir sagte: “Es ist September, flieg nach Paris.” Also habe ich keine Koffer gepackt, mir ein Flugticket gebucht und bin zum Flughafen gefahren.
Auf seine innere Stimme sollte man immer hören. Also bin ich nach Paris geflogen.
Taxi Richtung Innenstadt und dann stand ich da. Ein verregneter Tag Mitte September und ich alleine in Paris.
Leider hatte mir die Stimme nicht mitgeteilt, wohin in Paris ich gehen sollte, also schlenderte ich einfach durch die Strassen. Hatte keinen Schirm dabei, denn ich liebe Regen und war irgendwann komplett durchnässt. Aber das machte mir nichts aus. Es war ja nur Regen und ich war ja nur nass. Kalt war es nicht.
Irgendwann stand ich direkt unter dem Eifelturm (ich glaube wirklich, wenn man mal in Paris ohne Ziel herumläuft, zieht es einen automatisch zu diesem Stahlkoloss, das ist einfach Gesetz) und schaute mich um. Ich studierte Gesichter, ich schaute Menschen hinterher, ich schaute immer wieder hoch zur Turmspitze. Hatte erst keine Lust stundenlang anzustehen, tat es dann aber doch, hatte ja sonst nichts zutun und fuhr hoch zur Spitze.
Dann wusste ich auf einmal warum meine innere Stimme mich hierher geführt hatte: Im ziemlich gleichen Augenblick, in dem ich oben angelangt und einfach nur überwältigt war, von diesem wundervollen Blick über die ganze Welt, brach die Dämmerung ein und färbte den violetten Himmel innerhalb kürzester Zeit in allumschliessendes Schwarz. Überall gingen nach und nach die Lichter an, bis die Stadt komplett erleuchtet war. Was für ein Spektakel! Schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn sich die Nach das letzte Bisschen hellen Himmel einverleibt, wenn es abends wird. Noch schwerer, wie es sich anfühlte, als ich da oben stand. Ich hatte die ganze Zeit über Gänsehaut und feuchte Augen. Es war elektrisierend.
Irgendwann bat man mich, wieder nach unten zu fahren (keine Ahnung wie lange ich da oben gestanden war) und ich lief (mit einigen Umwegen weil ich mich nicht in Paris auskenne) in Richtung Zentrum und dann Flughafen.
Leider musste ich dort noch ein wenig warten, bis man mir einen Flug zurück anbieten konnte, der auch noch richtig teuer war. Aber das war mir egal.
Ich hatte die Nacht getroffen. Wir sahen uns genau in die Augen, es war einfach nur …episch. Diesen Augenblick im Angesicht der Finsternis werde ich nie wieder vergessen. Das war unbeschreiblich und jetzt wo ich wieder darüber schreibe, überkommt mich eine Gänsehaut.
Jetzt bin ich wieder hier und wenn es Nacht wird, denke ich an Paris und daran, dass die Dunkelheit da oben halbwegs Notiz von Einem- dich hier unten aber überhaupt nicht wahrnimmt, wenn sie dich mit ihrer Nacht gleichgültig zudeckt.