The Transatlantic Hearts Motel

Geschichten und Gedanken voll Sehnsucht nach Heimat.

Über Ozeane, fast bei dir

Als ich die Augen wieder aufmache tut es schon nicht mehr weh. Ich liege auf dem Rücken. Das gleißende Licht schmerzt. So hell um mich herum hier. Der Himmel zieht schnell an mir vorbei. Ich dachte ich sehe Wolken, doch das ist kein Himmel. Ist das Beton? Wo bin ich? Ich werde geschoben. Es muss ein Krankenhaus sein. Ich kann meinen Kopf nicht bewegen. Erst jetzt merke ich, dass ich in eine Maske atme. Ich muss auf einer Trage liegen. Man schiebt mich durch Krankenhausgänge. Das muss es sein. Langsam kommt mein Gehör zurück. In der Ferne höre ich aufgeregte Stimmen. Ich verstehe sie nicht. Krankenhausgang, ich auf Liege, Ärzte die mich schieben. Kann kaum denken, doch soviel bekomme ich mittlerweile zusammen. Ich kann meinen Körper nicht spüren. Nur das Silberrauschen auf meiner Zunge und Druck hinter meinen kalten Augäpfeln. Ich bin froh, dass man mir hilft. Glaube ich.

Langsam fangen meine Gedanken an weh zu tun. Ich denke langsamer. Wir kommen an, hektisches Treiben um mich herum. Wird mein Körper getragen, irgendwas hat mich bewegt. Kurz schaut mich ein Gesicht an, schaut mir direkt in die Augen und drückt mir auf die Maske.

Ich verliere das Bewusstsein.

Oder erlange ich es zum ersten Mal in meinem Leben? Wer sagt mir ob ich überhaupt noch lebe. Und vorallem: Was zum Teufel ist wohl passiert? Wie komme ich hierher?

Ich liege in der Schwebe in purem Licht. Es ist überall. Es umgibt mich. Ich glaube ich muss lächeln. Es ist schön hier. Hier wird es mir gutgehen. Es fängt an mir zu gefallen. Egal wo dieses hier sein mag.

Ich kann wieder denken. Und meinen Körper bewegen. Ein seltsames Gefühl. So leer. Langsam richte ich mich auf. Schwebe aufrecht in diesem Meer aus Licht.

Plötzlich sehe ich jemanden aus der Ferne auf mich zugehen. Ich muss sie nicht sehen um zu wissen, wer es ist. Wieder muss ich lächeln und hauche:

“Juliana”

Ich weiß sie ist es. Und ich habe recht. Sie kommt langsam auf mich zu. Ich Schritte sind klein, ihre Bewegungen zerbrechlich.

“Juliana”

Sie legt den Kopf leicht schief und lächelt mich an.

“Ich wusste, dass du es bist. Du bist gekommen.”

Mehr kann ich nicht sagen, meine Stimme versagt. Sie sagt auch nichts. Schaut mich nur an. In diesen Augen könnte ich ertrinken, sie sind die einzige Ewigkeit für mich.

“Werde ich sterben?” Es ist kaum mehr als ein Flüstern.

Sie lächelt noch immer, zieht ihre Schultern leicht an und spricht endlich zu mir:

“Jetzt ist alles egal. Ich bin ja da.”

Hauptsache wir sind zusammen, denke ich mir und fange an zu schuchzen. Das Lichtermeer löst sich langsam auf. Ich traue mich gar nicht, nach unten zu schauen, will den Blick nicht von ihrem Gesicht abwenden. Wir schweben hoch oben über einer riesigen Stadt bei Nacht. So viele Lichter unter uns. Nur die Sterne über uns. Eine herrliche Sommernacht. Mir ist nicht kalt. Ich spüre nichts.

Ich weiß wo wir sind. Meine Geburtsstadt. Sie pulsiert und leuchtet unter uns. Es ist ein Wahnsinnsanblick. Ich verliere fast den Verstand. Da legt sie mir ihre Hand unter die Wange und kommt einen Schritt näher. Ihr Gesicht ist jetzt ganz nah an meinem, ich kann ihren Atem spüren. Alles wird gut ich weiß es.

Sie sagt nichts mehr. Wir schweben langsam nach unten. Ganz langsam. Sie hält mich noch immer. Ich schaue nach unten, ich schaue in ihre Augen, ich schaue wieder runter. Irgendwann erreichen wir die Strasse und setzen langsam auf. Ich kann es mir nicht erklären, aber so langsam spüre ich etwas, etwas Unangenehmes…

Ich schlucke, will endlich wieder was sagen, doch mir fehlt die Kraft. Sie senkt ihren Arm. Schaut mich an mit sanftem Blick und sagt (ich werde diese Worte niemals vergessen):

“Wir werden uns wiedersehen.”

Panik überkommt mich, ich weiß, das heisst wieder Abschied nehmen. Ich will schreien, ich will sie festhalten: “Geh nicht! Bitt geh nicht!” Doch ich bleibe stumm. Mit weit aufgerissenen Augen. Sie dreht sich um und verschwindet. Ich kann es nicht fassen – ich habe sie erneut verloren!

“Juliana!”

Vor mir, in Sekundenschnelle – ein so schnell auf mich zurasender Lichterkegel – ich kann es kaum verarbeiten…

TRIFFT ES MEINEN KÖRPER MIT VOLLER WUCHT.

Mein Körper wird nach hinten und in die Luft geschleudert. Es tut so weh. Das Blut schiesst von überall in mir ein. Meine Augen, mein Kopf, mein ganzer Körper – alles dreht sich, alles ist schwarz und rot und so kreischend schrill. Ich schlage hart auf den Boden auf. Unsagbare Schmerzen. Ich will atmen – geht nicht. Ich will aufstehen, etwas knackt. Ich will schreien vor Schmerzen und…

- Schwarzer süßer Schlaf, so tief und weich und unschuldig -

Als ich die Augen wieder aufmache tut es nicht mehr weh. Liege wohl auf dem Rücken. Das gleißende Licht schmerzt. Der Himmel zieht schnell an mir vorbei. Dachte ich sehe Wolken, doch das ist kein Himmel.

Cydonia Mensae

Laufe abends nochmal mit dem Hund. Stecke mir eine Zigarette an. Schmeckt bitter, was sonst. Ich entspanne meine Schultern, nehme einen weiteren Zug.

Es ist dunkel, es ist kalt. Wie immer. Wie trostlos Deutschland sein kann. Würde gerne schneller laufen, doch wo soll ich hin. Nach Hause will ich nicht. Der Hund trottet wie immer ganz in seiner eigenen Welt vor mir her und interessiert sich nicht für meine Fragen und Geschichten.

Ich schaue zu jedem Fenster hoch, aus dem Licht herausscheint. Manchmal kann ich auch in die Räume sehen. Dann bleibe ich stehen und schaue und warte. Wer da wohl wohnt und wie seine Geschichte ist. Ich liebe das. Von der Strasse in all diese Leben reinzuschauen mit meinen Blicken aus der Dunkelheit, die uns alle hier draussen umgibt.

Manchmal sehe ich Silhouetten von Menschen hinter Vorhängen. Ich flüstere dann immer leise: “Lass uns nach Hause gehen” und hoffe das die Person zum Fenster kommt, mich sieht, aus dem Haus herausläuft und mit mir nach Hause geht. Wo mein Zuhause ist, weiß ich nicht mehr. Aber das wäre mir egal. Doch dann merke ich, dass alle, die ich hinter ihren Vorhängen sehe, ja schon zuhause sind. Dann überkommt mich der Ekel vor mir selbst. Komme mir vor, wie ein Spanner. Dabei suche ich nur. Glaube ich zumindest.

Irgendwann macht sich der Hund bemerkbar, weil er weiter will. Vielleicht sollte einfach ihm folgen. Doch wohin soll er mich schon führen. Er ist frei. Ihn treibt keine Sehnsucht. Im Kreis zu gehen macht ihm nicht viel aus.

Stehe an einer Kreuzung. Schaue mich um. Nicht mal mehr Ampellicht. Tolle Stadt. Tolles Land. Ich hasse es hier.

Am liebsten würde ich ihnen allen das Licht in ihren Häusern und Zimmern ausknipsen und die Dächer über sie alle zusammenstürzen lassen. Der Hund schaut mich ratlos an. “Sie hätten es nicht anders verdient.” entgegne ich ihm, aber das lässt ihn kalt.

Wir gehen noch eine ganze Weile. Danach rufe ich ihm zu: “Lass uns nach Hause gehen.” Damit meine ich nicht mein echtes Zuhause. Dem Hund ist alles egal. Er dreht um und wir laufen den selben Weg zurück. Dabei singe ich leise vor mich hin und kann nicht aufhören nachzudenken.

“Lass uns nach Hause gehen.”

Es ist lungenschneidend kalt weil nicht bewölkt. Sternklare Nacht. Ich schaue hoch und kann wie immer meinen Blick nicht mehr abwenden. Ich lasse mich wieder hypnotisieren. So bin ich. Sternengucker. Ich bin süchtig nach ihnen. Ich will zum Mars. Wir sind ja auch irgendwie miteinander verbunden. Ich weiss jedoch nicht warum. Irgendwas ist da oben. Als wollten sie mir etwas sagen. Vielleicht nur Sehnsucht. Vielleicht Hoffnung. Vielleicht das Versprechen, das alles irgendwann gut wird.

Nein ich weiß was es ist. Ihre Entfernung und ihr Weitwinkel. Egal wo ich schon auf diesem gottverlassenen Planeten war, sie konnten mich immer sehen. Das verbindet uns. Sie sehen mich. Und da sie mich nur nachts in der Dunkelheit sehen, sehen sie viel mehr von mir. Sie sehen mein Innerstes. Tagsüber ist man einfach nicht so intim und verletzlich. Ach was haben diese Sterne schon alles miterlebt.

Ich lächle sie an. Ob sie zurücklächeln? Vielleicht sind sie mein Zuhause. Ich flüstere erneut: “Lass uns nach Hause gehen”. Was für ein Satz!

Irgendwann laufe ich dann weiter, nicht das man noch denkt, ich bin verrückt, so wie ich mit offenem Mund und nach hintengeklapptem Kopf in Richtung Nachthimmel starre.

Wo ist der Hund? Ich schaue mich um. Mir wird leicht schwindlig. Es kommt mir so vor, als müsse sich mein Kopf wieder an die Erde gewöhnen. Er muss schon vorgegangen sein. Nein, er ist in einem Vorgarten hinter einem Busch.

Ich rufe: “Komm! Lass uns nach Hause gehen”. Ich muss schlucken. Den Reflex wieder zum Himmel zu schauen, unterdrücke ich und schaue lieber hoch zu einem hellen Fenster. Der Hund kommt angerannt und schnüffelt seinen Weg an mir vorbei. Ich gehe ihm hinterher und mache mir noch eine Zigarette an.

Vanish, vanish… disappear

Es ist schon spät. Irgendwann nach 3 Uhr morgens. Ich fahre seit Stunden auf der einsamen Autobahn durch die Dunkelheit. Das Radio ist mittlerweile aus. Mein Handy auch. Akku leer.

Ich stelle mir vor, wie es wohl wäre, beide Hände einfach vom Lenker zu nehmen und das Gas langsam durchzudrücken. Oder ich mache die Scheinwerfer aus. Oder ich halte an. Und steige aus. Stelle mich mitten auf die Autobahn und schaue mir die Sterne an.

Vanish, vanish – into the air.

Wer jetzt wohl noch wach ist, den ich kenne? Ich muss kurz an meine Mutter denken. An meine Schwester. Dann an Juliana. Wäre sie jetzt hier, würde sie mich vor diesen ganzen unsinnigen Gedanken beschützen. Sie würde mit mir durch die Nacht fahren und obwohl sie müde wäre, würde sie versuchen wach zu bleiben um mir Gesellschaft zu leisten und mich wach zu halten.

Vanish…

Ich sehe ihr Gesicht vor mir über der Straße. Sie scheint zu lächeln. Ich überlege. Eigentlich lächelt sie immer. Fast muss ich auch kurz lächeln.

Die Nacht rast stumm an mir vorbei. Der Mittelstreifen wirkt hypnotisch. Leeres Rauschen füllt das Auto. Als würden Geister mit mir mitfahren. Ach, vielleicht tun sie das auch. Ich schaue kurz auf den Beifahrersitz.

Ich stelle mir Personen vor, die ich kenne. Sie sitzen alle nacheinander neben mir, schauen mich an oder lachen mit runtergedrehter Lautstärke und monotonem Geisterrauschen.

Slowly disappear. No longer here.

Verdammter Song, geht mir die ganze Zeit im Kopf rum. Nein, auf dieser Reise bin ich allein und das wird auch so bleiben. Vielleicht bin ich auch schon fast da.

“Allein unter Geistern” sage ich und erschrecke über meine erdige Stimme, die sich viel zu laut in meine bisherige Reisestille schneidet.

Vor mir tauchen Schilder auf, doch ich schaue sie mir nicht an. Es ist mir egal wohin ich fahre. Hauptsache weg von hier. Ich muss nicht ankommen. Diese Reise durch die Nacht mag traurig und einsam sein. Doch sie ist heilsam und irgendwie definiert sie mich. Sie zerstört mich. Sie braucht mich auf, ich bin ihr Treibstoff.

Ich muss wieder an Juliana denken. Wäre sie nur hier.

Dann wäre die Nacht unser Freund. Dann hätten wir beide ein Ziel. Dann würde alles wieder einen Sinn machen.

Ich merke, dass ich immer schneller werde. Meine Augen brennen. Ich schliesse sie. Zuerst nur ganz kurz, dann nochmal und nochmal. Immer ein wenig länger. Es fährt niemand vor mir, ich bleibe auf meiner Spur gerade aus und schliesse sie wieder. Hinter den Augenlidern brennt es zuerst. Nach einer Weile fühlen sich meine Augäpfel kalt an und es wird besser. Als hätte ich sie abgekühlt, vor dem heissen Geisterrauschen. Dem ganz eigenen Fahrtwind der Nacht.

Ich komme nicht von der Strasse ab. Ich muss nicht bremsen und baue auch keinen Unfall. Ich kann durch meine Lider sehen und fahren einfach weiter durch die Nacht. Immer wenn ich an Juliana denken muss, öffne ich die Augen, um ihr Gesicht vor mir auf der Strasse zu sehen.

Ich verschwinde. Ich verblasse. Ich bin die Reise. Ich bin die Nacht.